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Menschenskind

36. Leipziger Jazztage – Cool Experience

a1 Die Rezensionen vom 24.09. bis 30.09.2012
Dem Motto der diesjährigen Leipziger Jazztage ist zu entnehmen, dass sie sich thematisch mit zwei bedeutenden Musikern aus der Jazz- und Rockmusik, deren geplante Zusammenarbeit der Tod leider durchkreuzte, auseinandersetzen wollen. Die Rede ist zum zum einen von Gil Evans, dem genialen Arrangeur und Bandleader aus Kanada, dessen 100. Geburtstag in dieses Jahr fällt. Ein anderes rundes Jubiläum, nämlich der 70. Geburtstag steht für Jimi Hendrix 2012 an. Letzterer war es Ende der 1960er Jahre müde, für ein teilweise ignorantes Publikum weiterhin den rasenden Roland zu spielen, der auf der Bühne Gitarren atomisierte oder abfackelte. Seine Intention bestand darin, gemeinsam mit Gil Evans´ Big Band ins Studio zu gehen, was auch auf dessen Interesse stieß. Neben eigenen Produktionen machte Evans als Arrangeur in den 1950er Jahren für den aufstrebenden Miles Davis von sich reden. Das Ergebnis dieser Kollaboration waren unter anderem die epochalen Alben “Sketches Of Spain” sowie “Porgy And Bess”, Höhepunkte und teilweise Abgesang des Cool Jazz. Obwohl Jimi Hendrix nun nicht mehr zur Verfügung stand, war der dem Neuen immer aufgeschlossene Gil Evans entschlossen, sich musikalisch mit Hendrix´ Kompositionen zu beschäftigen. Das setzte er zuerst bei Live-Auftritten (das Konzert 1976 bei der Warschauer Jazz Jamboree bleibt dem Rezensenten unvergessen) um. Schließlich nahm er seine Herde und produzierte mit einigen Gästen das Album “”The Gil Evans Orchestra Plays The Music Of Jimi Hendrix”, ein bis heute hörenswertes Werk, das im Laufe der Zeit keine Patina angesetzt hat und durch seine Frische und seinen Ideenreichtum glänzt. Die stilistische Bandbreite, die zu den 36. Leipziger Jazztagen angeboten wird, lässt auf Bewährtes und auch einige Überraschungen zwischen diesen beiden Polen hoffen.

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Laibach – Iron Sky im Centraltheater Leipzig

laibach1 Die Rezension vom 21.09.2012

Laibach ist wieder im Gespräch. 1980 in Slowenien, damals  Bestandteil von Jugoslawien, gegründet, war die Band in das  antiautoritäre und antitotalitäre Kunstprojekt NSK integriert. Selbstverständlich erregte sie mit ihrem Industrial Sound und ihren teilweise grotesk übersteigerten Auftritten nicht unbedingt das Wohlwollen der politischen Führung ihres Landes. Natürlich trugen auch ihre Texte dazu bei. Musikalisch hat Laibach eine stetige Entwicklung durchlaufen. Adaptionen von Songs verschiedener  Stilrichtungen, experimentelle Verarbeitungen von Bachs “Kunst der Fuge” und die Verwendung elektronischer Klangerzeuger verschmelzen zu einem eklektizistisch anmutenden, unverwechselbaren Stil. Die dunkle Stimme von Sänger Milan Fras setzt mit ihrer beschwörenden Diktion besondere Akzente. Das neueste Album ist der Soundtrack zum Film des finnischen Regisseurs Timo Vuorensola  “Iron Sky”, einer abgefahrenen Science-Fiction-Komödie, in der ein Konflikt zwischen dem heutigen Amerika und auf der Rückseite des Mondes überlebenden Nazis im Jahr 2018 geschildert wird.

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Das Fräulein von Scuderi, Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs des XIV." nach E.T.A. Hoffmann im Theater an der Parkaue

rmlogo Die Rezension von der Premiere am 18.09.2012

Heftiger Schlussbeifall der Schüler im Parkett belohnte das Ensemble der Inszenierung "Das Fräulein von Scuderi, Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs des XIV." im Theater an der Parkaue nach der Premiere für eine turbulente Vorstellung. Offensichtlich waren diese Besucher im Text der Geschichte von E.T.A. Hoffmann gut zu Hause und genossen den spielerischen Umgang des Bearbeiters und Regisseurs Sascha Bunges mit der Vorlage. Ich bildete mir ein, die Geschichte in ihrer Mischung aus Krimi, Liebesgeschichte und Gesellschaftssatire auch noch gut in Erinnerung zu haben, aber es war für mich doch oft etwas verwirrend. 1680 werden Pariser Edelmänner zu Opfern von Raubmorden, die Beute stammt jeweils aus der Werkstatt des gefeierten Goldschmieds Cardillac. Die Dichterin Magdaleine de Scuderi tut die Ereignisse dem König gegenüber mit einer bagatellisierenden Bemerkung ab und wird danach unfreiwillig durch ein Schmuckstück, das ihr gesandt wird, in den Fall verwickelt. Aber weder der Kriminalfall, noch die Liebesgeschichte wurden für auf der Bühne konsequent erzählt, von der Geschichte des Goldschmieds ganz zu schweigen.

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Baby Sommers French Connection – Französische Lebensart auf dem Mediencampus Villa Ida

bs1 Die Rezension vom 15.09.2012

Diese drei Herren müssen weder sich noch ihrem Publikum etwas beweisen. Der Dresdner Perkussionist Günter “Baby” Sommer arbeitet seit nunmehr dreißig Jahren mit den beiden Franzosen Sylvain Kassap (Klarinette, Bassklarinette) und Didier Levallet (Kontrabass) in dieser Konstellation zusammen. Baby Sommer war einer der Protagonisten der Improvisierten Musik in der DDR. Von seinen zahllosen Projekten seien hier nur Synopsis (später Zentralquartett) mit Conny Bauer, Uli Gumpert und Ernst Ludwig Petrowsky und seine Kollaborationen mit dem Merseburger Organisten Hans-Günther Wauer aufgeführt. Neben der Mitwirkung an vielen internationalen Projekten mit Legionen bekannter Musiker ist noch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Autoren wie Christa Wolff, Christoph Hein und Günter Grass zu erwähnen. Sylvain Kassap ist ein Repräsentant der Improvisierten Musik und der Imaginären Folklore, einer Musikrichtung, die wenig mit den swingenden Richtungen des Jazz zu tun hat und das Bestreben verkörpert, eine Musik zu schaffen, die bestrebt ist, durch vertraute Klänge beim Zuhörer die Illusion zu erwecken, Volksmusik zu hören.

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Schachnovelle von Stefan Zweig am Kleinen Theater Berlin

rmlogo Die Rezension vom 01.09. 2012

Die Aufführung der "Schachnovelle" von Stefan Zweig am Kleinen Theater Berlin, die ich in der 2. Vorstellung sah, ist in zweierlei Hinsicht verdienstvoll: Erstens hat das Theater mal wieder ein interessantes Stück für eine Berliner Erstaufführung ausgegraben. Helmut Peschina erzählt in seiner Bühnenfassung der wohl bekanntesten Erzählung Zweigs die Geschichte Dr. Bertrams sehr konzentriert. Bertram wird auf einem Transatlantikdampfer zufällig Zeuge einer Schachpartie zwischen dem amtierenden Weltmeister Czentovic und einer Gruppe von Reisenden, an deren Spitze ein Ölmagnat steht, der durch ein großzügiges Honorar die Schachkoryphäe zum Spiel überreden konnte. Bertram gelingt es, die drohende Niederlage abzuwenden und ein Remis zu erreichen. Nachdem er noch einmal gegen den Weltmeister antreten soll, erzählt er einem Mitreisenden die Geschichte, wie er zum Schach gekommen ist. Von den Nazis in Einzelhaft gesteckt, nur von einem Wärter, der kein Wort mit ihm spricht, mit Essen versorgt, steht er kurz davor zusammenzubrechen und ein Geständnis abzulegen. Da kann er aus einem Mantel im Verhörraum ein Buch stehlen. Ist er zunächst enttäuscht darüber, dass es sich um eine Sammlung von Schachpartien handelt, dringt er zunehmend in die Materie ein, lernt die Partien auswendig und spielt sie zunehmend im Kopf durch. Das führt schließlich durch die Schizophrenie, stets sich selbst besiegen zu müssen, zum Nervenzusammenbruch.

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"Zuhause" von Ingrid Lausund als Gastspiel im Zimmertheater Steglitz

rmlogo Die Rezension vom 15.09.2012


Nachdem mich "Benefiz-Jeder rettet einen Afrikaner" im Renaissancetheater auf Ingrid Lausund aufmerksam werden ließ, war ich sehr gespannt auf einen weitere Arbeit der Autorin. Im Zimmertheater Steglitz, dem kleinsten Theater Berlins, das voll besetzt war, hatte ich die Gelegenheit, Heike Eulitz mit 3 Monologen unter dem Titel "Zuhause" zu erleben. Meine hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ich erlebte drei unterschiedliche Frauen, die jeweils sehr präzise und originell vorgestellt wurden. Da ist – quasi als Klammer – eine, die ihre Einrichtung nur geldlich beschreibt, deren Gefühlswelt von Zahlen beherrscht ist. Es folgen eine Künstlerin, die versucht, sich von ihrer Mutter zu emanzipieren, und eine um politische Korrektheit bemühte Zeitgenossin, die eine türkische Putzfrau eingestellt hat. Wieder hat Ingrid Lausund ihre Mitmenschen genau beobachtet und raffiniert brüchige, entlarvende, wundervoll humorvolle Texte geschrieben.

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Burg Herzberg Festival 2012– Von “Make Love Work” zu “Matsch More Love” in Breitenbach, Hessen

bh01 Die Rezension vom 19.07. bis 22.07.2012
Es ist eine recht ungewöhnliche Geräuschkulisse, die sich entlang einer breiten Schneise am Rand des für Fahrzeuge zugelassenen Geländes ausbreitet. Sie erinnert eher an eine belebte Großstadtkreuzung als an einen Campingplatz bei einem Rockfestival. Die Verursacher sind Traktoren, ohne deren Hilfe kein Fahrzeug an seinen Platz käme, ausgiebige Regenfälle haben das Areal am Hof Huhnstadt in eine Schlammwüste verwandelt. Freak City ist erstmals für Autos gesperrt, vor der Main Stage versinken die Besucher bis über die Knöchel in matschiger Pampe. Kurz gesagt, es herrscht eine Art Ausnahmezustand, der die Veranstalter vor große Probleme stellt, denn auch der Zugang für die Künstler samt Equipment zur Bühne muss erkämpft werden.  Trotz allem kann am Donnerstag die Freak City Band pünktlich ihr Konzert als traditioneller Opener des Festivals beginnen. Danach haben die Helfer zu tun, die Bühne mit Besen vom Regenwasser zu befreien, der Auftritt der attraktiven Sängerin Dana Fuchs aus Texas steht an. Die stimmgewaltige Bluesrockerin ist bekannt für ihre sehr bewegungsintensive Show, bei der es auch mal in die Horizontale gehen kann. Ihren starken Auftritt beendet sie mit dem eindrucksvollen Etta James-Cover “I´d Rather Go Blind”, bei dem sie ihre stimmliche und körperliche Dynamik noch einmal voll präsentieren kann.

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"Biss auf weiteres" Gastspielpremiere bei den Berliner Stachelschweinen

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Die Rezension von der Premiere am 06.08.2012


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Zum dritten Mal sind Irina von Bentheim und Klaus-Peter Grap mit einem Sketchprogramm zu Gast bei den "Stachelschweinen". Nach dem "Paar mit Biss" und dem "Paar mir (Ge-)Biss", Programme, die sich mit den Missverständnissen zwischen den Geschlechtern (beim zweiten verschärft durch das Alter) beschäftigt haben, richten sie jetzt ihren "Biss auf Weiteres". Und sie halten, was sie versprechen. Es ist ein mit lockeren Conférencen verbundenes Sketchprogramm zu den unterschiedlichsten Themen. Da gibt es Berlin-Pointen, werden Auswüchse der Kinder- und Hundehaltung, geschäftstüchtige Gurus, Bildungsnotstand und vieles andere mit wirkungsvollen Typen und großer Spielfreude auf die Bühne gebracht. Dabei ist der Wechsel von den Klatschweibern zu den beiden Prolls kostümlich und spielerisch ein Höhepunkt.

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Sommertheater wie dieser Sommer „Bunbury oder Ernst sein ist alles“ der Cammerspiele Leipzig

rmlogo Die Rezension von der Premiere am 19.07.2012


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Oscar Wildes Stück „Ernst sein ist alles“ ist sicher die beste Komödie des Autors. Mit herrlichem Wortwitz und viel Ironie attackiert er darin das Leben der Oberschicht, ohne ihre Lebensart jedoch generell infrage zu stellen. Alles dreht sich um zwei Herren die vorgeben Ernst zu heißen. Ihre Angebeteten verlieben sich allein wegen des Namens in sie. Das und noch weitere kleine Lügen geben, dann einigen Stoff für höchst komische Verwirrspiele auf der Bühne. Die beiden Regisseure Christopher Köhler und Sebastian Börngen haben dieses wundervolle Stück nun auf die Sommertheaterbühne der Cammerspiele im KUB gebracht. Dabei übernahm jeder Regisseur einen Teil der Inszenierung und diese Zweiteilung ist das Problem. Denn zu sagen, sie sei insgesamt gut und sehenswert wäre eine Lüge. Sosehr wie der erste Teil der Inszenierung enttäuscht, sosehr begeistert nämlich der zweite Teil. Ein verkrampftes und überambitioniertes Spiel und eine schlechte Rollenbesetzung machen den ersten Teil zu einem sehr ernüchternden Erlebnis.

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Kasimir und Karoline - Wo bitte geht’s hier zum Oktoberfest? in der Feinkost Leipzig

rmlogo Die Rezension vom 19.07.2012


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Der Zuschneider, der Chauffeur und seine Frau - Kasimir und Karoline - Wo bitte geht’s hier zum Oktoberfest? in der Feinkost Leipzig. Ödön von Horváth' Stück Kasimir und Karoline feierte am 18. November 1932 im Leipziger Schauspielhaus Premiere. Gut 80 Jahre später bringt das ÜZ seine Interpretation des Klassikers auf den Hof der Feinkost als Sommertheater. Zum Glück überdacht, denn dieser Sommer braucht ein Dach. Im Gegensatz zum Original haben die beiden Regieseure Christian Hanisch und Elisa Jentsch die Geschichte auf das Wesentliche reduziert. Kasimir und Karoline sind auf dem Oktoberfest. Kasimirs Stelle als Chauffeur wurde abgebaut und er ist damit arbeitslos. Er glaubt nun von Karoline, überzeugend kess durch Nina Maria Föhr dargestellt, sie würde ihn aufgrund seiner Armut und Perspektivlosigkeit verlassen - immerhin sind die Zeiten hart und die Krise ist überall. Kasimir, Klasse besetzt mit Philipp Nerlich, treibt förmlich Karoline durch sein Verhalten in die Arme des Zuschneiders.

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